Berufungsgeschichte

Sr. M. Veronika: Die Sehnsucht nach mehr. Vom Geschenk der Berufung.
Berufung können wir von den verschiedensten Blickwinkeln betrachten. Die folgenden Gedanken sind eine Möglichkeit von vielen. Sie sind einerseits persönlich geprägt und andererseits in das Heute hinein gesprochen. Damit will ich sagen: In einem anderen zeitlichen Kontext würde ich die Dinge anders ausdrücken. Zuerst zeichne ich meine eigene Berufungsgeschichte nach. Da ich seit vier Jahren Novizenmeisterin bin, berichte ich auch kurz über die Erfahrungen, die unsere Gemeinschaft bisher mit jungen Menschen gemacht hat. Seit ich im Kloster bin, war unser Noviziat nie leer. Viele sind wieder gegangen, einige sind geblieben. Wir mussten durch Fehler und schmerzvolle Erfahrungen reifen. Zuletzt möchte ich diejenigen ermutigen, die sich zum klösterlichen Leben hingezogen fühlen.
Ist alles relativ?
Ich kam in der heutigen Tschechei in Brünn zur Welt. Mein Grossvater hatte das Holztechnikum in Rosenheim D besucht und wurde dann Chef in einer Sägerei, bis die Kommunisten den gesamten Familienbesitz beschlagnahmten. Von nun an durfte er höchstens in einer Fabrik arbeiten. Zu Hause herrschte die Stimmung eines stillen Widerstandes. Für Nachrichten empfingen wir ausländische Sender, und Politik war oft das Tagesthema. Mein Grossvater bewunderte Teilhard de Chardin und den Jesuitenorden. Wir versuchten praktizierende Katholiken zu sein, ohne aufzufallen. Meine Mutter war Musiklehrerin, und mein Vater besuchte neben seinem Beruf als Konstrukteur die Kunstgewerbeschule. Er hörte gern klassische Musik und liebte den "Messias" von Händel. Ich wurde bewusst dazu erzogen, selbständig zu denken und nicht ohne Prüfung das zu glauben, was man uns in der Schule sagte. Als Kind wusste ich, dass ich über die Themen, die zu Hause behandelt werden, mit anderen Kindern nicht sprechen durfte. Ich fühlte mich isoliert und litt darunter. In der Klasse waren wir von 32 etwa drei katholisch, wir erspürten dies jedoch voneinander mehr, als dass wir darüber sprächen.
Unsere Pfarrei war sehr lebendig. Unter dem Deckmantel "Verein für die Zusammenarbeit mit Militär" wurden die katholischen Pfadfinder organisiert. Ab der 3. Klasse bis zu meinem Klostereintritt machte ich mit, zuerst als Mitglied, dann in der Leitung. Ich lernte den Wert der Kameradschaft, der Genügsamkeit und Zielstrebigkeit kennen. Als Kind verschlang ich viele Bücher, und bald machte ich mich auf, die Bibliothek meiner Eltern kennen zu lernen. Ich las die Flugnovellen von Antoine de Saint-Exupéry und die Romane von Erich Maria Remarque und John Steinbeck. Mit 14 Jahren schaffte ich gegen meine Erwartung die Aufnahmeprüfungen an die Kunstgewerbeschule, Fach Grossflächenmalerei. Meine Lehrer und die meisten Schüler verschrieben ihr Leben der Kunst. Ich fragte mich: Reicht auch für mein Leben die Kunst aus? Da kam mir ein Buch in die Hand, in dem ein Mitarbeiter von Albert Einstein der Jugend die Relativitätstheorie erklärte. Ich las das Buch und war erschrocken: Kann es sein, dass alles relativ ist? Nein, das kann es nicht geben. Es muss einen Fixpunkt, eine Wahrheit geben. Liegt die Wahrheit im Glauben? Eigentlich hatte ich vor, aus der Kirche auszutreten. Doch jetzt berührte mich die sonntägliche Eucharistiefeier manchmal so tief, dass die Nähe Gottes fast greifbar wurde. Ich kam zur Einsicht: "Hier ist die Wahrheit." Da entschloss ich mich, jeden Tag vor dem Schulbeginn zur Messe zu gehen. Als Kind hatte ich oft Angst, dass mich jemand nach meinem Glauben fragen könnte. Damals hätte ich ihn wohl verleugnet. Es wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich lernen muss, zu meinem Glauben zu stehen. Im Jahre 1989 brach das kommunistische Regime zusammen. Nun musste neben der äusseren Freiheit auch das Bemühen um die innere Freiheit hinzukommen.
"Du musst sie lieben"
Im Alltag stolperte ich oft über meinen Stolz. Beim Lesen des Evangeliums wurde mir bewusst, dass Jesus sich - im Unterschied zu mir - zu den Füssen seiner Jünger beugt. Ich sagte mir: "Wenn du überall die Erste sein willst, dann handle nach dem Evangelium und lerne die Letzte von allen sein." Durch die Bücher von Thomas Merton liess ich mich für das Leben der Zisterziensermönche begeistern und hielt nach und nach Ausschau nach einem Kloster, in das ich eintreten könnte. Zur gleichen Zeit taten sich in St. Gallen einige engagierte Gläubige zusammen, um den Klöstern in der Ostschweiz, die schon lange keinen Nachwuchs mehr hatten, zu helfen. Sie veröffentlichten in Tschechien eine Anzeige und boten jungen interessierten Frauen an, ihnen eine Schnupperwoche in einem Kloster in der Schweiz zu vermitteln. Auf diese Weise lernte in das Kloster Magdenau kennen. Ich war beeindruckt, wie gewöhnlich und tief zugleich das Leben der Schwestern war, und trat hier im Juni 1993 ein. Ich hatte vor, hier mein Leben mit Beten und Putzen zu verbringen. Es kam jedoch anders.
Eines Tages bekamen wir die Anfrage, ob wir nicht eine Schwester an die Theologische Schule des Klosters Einsiedeln zum Theologiestudium schicken würden. Ich wurde entsandt und machte mich mit vielen Zweifeln daran. Nach vier Jahren in Einsiedeln schloss ich ein Jahr am Monastischen Institut in San Anselmo in Rom an. Als klar wurde, dass ich Novizenmeisterin werden sollte, besuchte ich das Trappistinnenkloster Vitorchiano (gelegen bei Viterbo, 60 km nördlich von Rom) und bat die Schwestern um Rat. Dieses Kloster hat nämlich zahlreichen Nachwuchs. Meine jetzige Arbeit im Noviziat stützt sich wesentlich auf die Ausführungen von Mutter Äbtissin Cristiana Piccardo ("Pedagogia viva. Cîteaux novecento anni dopo." Jaca Book, Milano 1999.). Prägend wurde dabei die Begegnung mit einer älteren Schwester. Als ich mich beklagte, dass ich noch sehr jung sei und nicht wisse, wie ich andere Menschen begleiten solle, nahm sie mich bei der Hand, schaute mir fest in die Augen und sagte: "Veronika, du musst sie lieben."
Auf den ersten Blick mag dieser Rat zu einfach scheinen, und doch beinhaltet er alles. Es sind nicht besondere pädagogische Methoden, mit denen wir junge Menschen zu Christus führen können. Es ist die schlichte Liebe, die uns frei macht, so zu werden, wie Gott uns gedacht hat. Es braucht nicht mehr und nicht weniger als die jungen Menschen, die manchmal zu den unpassendsten Zeiten an unsere Pforte klopfen, so zu lieben, wie Jesus sie liebt. Dann werden wir Nachsicht üben können, wenn sie Probleme mit dem Rauchen und verschiedene Erfahrungen im Bereich der Sexualität schon hinter sich haben. Wir werden uns nicht wegen der komischen Kleidung entrüsten und werden Zeit finden, zuzuhören. Wir werden dann auch streng sein können und sie Entsagung lehren. Wir werden in Demut sie als Persönlichkeiten achten, obwohl sie noch nicht so weit sind. Indem wir daran glauben, dass sie Persönlichkeiten werden können, helfen wir ihnen, solche zu werden.
Verzeihung annehmen, Verzeihung schenken
Angesichts der heute weit verbreiteten Skepsis brauchen wir uns nicht zu scheuen zu bekennen, dass es eine Wahrheit gibt und dass Jesus Christus die Wahrheit in Person ist. Wir brauchen uns nicht allzu grosse Sorge über die Zukunft unserer Klöster zu machen. Wir müssen uns nicht masslos anstrengen, damit unsere Klöster sich füllen. Neben der Wahrheit verblasst früher oder später jede Lüge, ob es sich um die Lüge des Kommunismus oder um die Lüge des Konsumdenkens handelt. Das Evangelium ist die frohe Botschaft von der Weisheit des Kreuzes. Wenn wir sie billiger verkaufen wollten, ist es kein Evangelium mehr. Ich glaube, dass wir diese unbequeme Botschaft jungen Menschen zutrauen dürfen. Wir müssen auch nicht verschweigen, dass das Leben im Kloster zugleich Bekehrung verlangt, und das heisst: immer den Weg unten durch wählen. Oft merken wir gerade dann, ob eine junge Frau im Kloster ausharrt oder nicht, wenn sie in den alltäglichen Herausforderungen die Maske des makellosen Ich ablegen muss. Das Leben in der Gemeinschaft legt die persönlichen Schwächen zu Tage; die junge Frau wird eingeladen, sich verzeihen zu lassen. Die gegenseitige Liebe wächst unter den Schwestern gerade dann, wenn sie einander Verzeihung schenken. Dies ist oft ein echter Prüfstein der Berufung: Verzeihung annehmen und Verzeihung schenken können.
Diejenigen, die sich zum geweihten Leben hingezogen fühlen, möchte ich ermutigen, zuerst im nächsten Umfeld das Evangelium zu leben versuchen. Es ist der Boden, in dem wir verwurzelt sind. Er trägt uns. Im ehrlichen Gebet kann man dann vielleicht nach und nach erkennen, dass im Herzen eine Sehnsucht nach MEHR wohnt. Es ist normal, dass diese Sehnsucht oft Hand in Hand mit Zweifeln einhergeht. Diese Zweifel sind oft eher ein Zeichen für die Berufung als gegen sie. Die Berufene soll nämlich lernen, auf den Herrn und nicht auf die eigenen Fähigkeiten zu bauen. Die Zweifel können vielleicht auch daher rühren, dass der Mensch sich der Berufung nicht würdig erachtet. Es ist gut, wenn wir staunen lernen, dass Gott sich gerade uns als seine Diener und Freunde wählt. Denn wer sich auf den Ruf Gottes einlässt, empfängt viel mehr, als er hergegeben hat

Dieser Text ist unter dem Titel "Die Sehnsucht nach mehr. Vom Geschenk der Berufung"
in der Zeitschrift "Die Glocken von Mariastein" September/Oktober 2006 Nr. 5 erschienen.


