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heilige Gertrud von Helfta

Eines Tages wurde an die Klosterpforte in Helfta ein fünfjähriges Mädchen gebracht. Dies war damals nichts Ungewöhnliches und niemand ahnte, dass die kleine Gertrud an diesem Ort Wurzeln schlägt und zu einem reich belaubten Baum heranwächst, in dessen Schatten auch wir in der Hetze unserer Tage aufatmen können. Heute nennen wir sie als einzige Frau unter den Heiligen „die Grosse“, doch im Jahre 1261 war sie erst einmal ein aufgewecktes Kind. Die weissen Klosterfrauen förderten gerne ihre Begabungen. Gertrud wurde der lateinischen Sprache mächtig und eignete sich den klösterlichen Rhythmus des Betens und Arbeitens an. Später nahm sie auch den Schleier an und wurde Nonne. Nähen, Sticken und Singen gehörten genauso selbstverständlich zu ihrem Alltag wie die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift und die humanistische Bildung. Am 27. Januar 1281 ereignete sich ihre erste Christusvision. Es war am Abend zurzeit der Dämmerung als das Tageslicht schwand, da zeigte ihr Gott sein unvergängliches Licht: „Zur genannten Stunde also stand ich inmitten des Schlafsaals, wo mir eine ältere Schwester begegnete, die ich nach dem Brauch unseres Ordens achtungsvoll grüsste. Als ich den Kopf wieder hob, sah ich einen jungen Mann bei mir stehen, liebenswert und schön.“ (Legatus II,1).

Gertrud erkannte, dass ihr Ordensleben bis dahin lau war und dass sie mehr den freien Wissenschaften als ihrem Schöpfer und Erlöser anhing. „Da erblickte ich zwischen mir und ihm einen unendlich langen Zaun. Oben war er mit so dichtem Dornengestrüpp überzogen, dass mir kein Durchgang mehr blieb, um zu dem jungen Mann zurückzukehren. Während ich auf der anderen Seite bleiben musste und dabei von Sehnsucht brannte und fast die Besinnung verlor, ergriff er mich plötzlich ohne jede Schwierigkeit und stellte mich neben sich.“ (Legatus II,1). Gertrud erfährt, dass die göttliche Liebe ihre Unzulänglichkeiten überwindet. „Durch diesen Sturm, glaube ich, suchtest du den Turm meiner Eitelkeit und Neugier niederzureissen, in den mein Stolz emporgewachsen war.“ Sie öffnet sich dem Wirken Gottes und lebt ganz aus der Liturgie. Ihre Visionen entfalten sich anhand der Bilder der Heiligen Schrift. Die göttliche Barmherzigkeit erfasst sie so tief, dass Jesus mit ihr sein Herz tauscht: „Du hast mir deine unschätzbare vertraute Freundschaft gewährt, indem du mir auf verschiedene Weise dein göttliches Herz als Gegenstand aller meiner Freuden gezeigt hast: Bald gabst es du mir umsonst, bald tauschtest du das deine zum stärkeren Beweis der gegenseitigen Vertrautheit mit dem meinen.“ (Legatus II,23,8).

Gertrud lebt im Kloster Helfta zur Zeit seiner höchsten spirituellen Blüte: die Heiligen Mechtild von Hackeborn und Mechtild von Magdeburg sind ihre Mitschwestern und Zeitgenossinnen. Vielleicht würden wir erwarten, dass sie Gertrud wegen ihrer Visionen beneiden würden. Das Gegenteil geschieht: Die Mitschwestern schreiben zum Teil heimlich Gertruds Visionen auf und legen Zeugnis von ihr ab: „Wunderbar erstrahlte in ihr die Gabe des Vertrauens. Denn jederzeit war ihr Gewissen so ruhig, dass Trübsale, Verluste, Hindernisse, ja selbst ihre eigenen Fehler es nicht verdunkeln konnten; vielmehr bewahrte sie stets ein hingebendes Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit. Auch ertrug sie es nicht schwer, wenn der Herr ihr zuweilen die gewohnte Gnade entzog. Denn gleichwie man einen Boten, der langersehnte Nachricht bringen soll, voll Hoffnung erwartet, so hoffte sie zuversichtlich, dass die göttliche Tröstung ihr in reichlicherem Mass zuteilwerde, weil sie durch die vorausgehende Trübsal dazu vorbereitet sei.“ (Legatus I,10). Die heilige Gertrud ermutigt uns zur vertrauten Zwiesprache mit dem gekreuzigten Herrn und lehrt uns glaubensstark die heilige Kommunion zu empfangen. Sie entdeckt das Herz Jesu als Inbegriff seiner Liebe und verehrt es ohne den leisesten Anhauch von Kitsch. Sie stirbt am 13. November 1302 und hinterlässt uns in ihren Schriften Legatus divinae pietatis (Gesandter der göttlichen Liebe) und Exercitia spiritualia (Geistliche Übungen) ein anspruchsvolles Erbe. Doch: Kann die Liebe weniger abverlangen als ganz uns selbst?